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Entwicklung

Technische Schulden

Technische Schulden (Technical Debt) beschreiben die versteckten Kosten, die entstehen, wenn bei der Softwareentwicklung bewusst oder unbewusst Abkürzungen genommen werden – zulasten der langfristigen Code-Qualität.

Technische Schulden sind das unsichtbare Gewicht, das Softwareprojekte mit der Zeit verlangsamt. Wie finanzielle Schulden akkumulieren sie Zinsen: Was heute als Abkürzung ein paar Stunden spart, kostet morgen Tage oder Wochen an zusätzlichem Aufwand. Jedes Softwareprojekt hat technische Schulden – die Frage ist, ob sie bewusst verwaltet oder unkontrolliert wachsen.

Was ist Technische Schulden?

Technische Schulden (Technical Debt) sind ein Metapher-Begriff, den Ward Cunningham 1992 prägte. Er beschreibt den zusätzlichen Aufwand, der entsteht, wenn schnelle, suboptimale Lösungen statt sauberer, nachhaltiger Implementierungen gewählt werden. Beispiele: Kopierter statt abstrahierter Code (Code Duplication), fehlende Tests, veraltete Abhängigkeiten, unzureichende Dokumentation oder eine gewachsene statt geplante Architektur. Technische Schulden sind nicht per se schlecht – bewusst eingegangene Schulden (z.B. für einen schnellen Markteintritt) können strategisch sinnvoll sein, müssen aber gezielt zurückgezahlt werden. Unbewusste oder ignorierte Schulden hingegen führen zu steigender Komplexität, sinkender Produktivität und wachsendem Frustpegel im Team.

Wie funktioniert Technische Schulden?

Technische Schulden akkumulieren sich durch verschiedene Mechanismen: Zeitdruck führt zu Abkürzungen, fehlende Code-Reviews lassen suboptimale Lösungen durch, veraltete Abhängigkeiten werden nicht aktualisiert, und wachsende Anforderungen werden auf eine Architektur gestapelt, die dafür nicht ausgelegt war. Die Zinsen zeigen sich in längeren Entwicklungszeiten für neue Features, häufigeren Bugs, erhöhter Einarbeitungszeit für neue Teammitglieder und steigendem Testaufwand. Tools wie SonarQube messen technische Schulden quantitativ und schätzen den Aufwand für deren Abbau.

Praxisbeispiele

1

Ein Startup hat sein MVP in 3 Monaten unter Hochdruck entwickelt. Zwei Jahre später dauert jedes neue Feature dreimal so lange, weil der Code unübersichtlich und untestet ist.

2

Eine E-Commerce-Plattform nutzt eine veraltete PHP-Version. Security-Patches sind nicht mehr verfügbar, und die Migration wird mit jedem Monat Verzögerung teurer.

3

Ein Team kopiert Logik statt sie zu abstrahieren: Ein Bug muss an 12 Stellen im Code behoben werden statt an einer – und an 3 Stellen wird er übersehen.

4

Eine monolithische Anwendung kann nicht unabhängig skaliert werden: Die Datenbank-Schicht bremst die gesamte Applikation, obwohl nur ein Modul die Last verursacht.

Typische Anwendungsfälle

Schulden-Inventur: Teams messen ihre technischen Schulden mit Tools wie SonarQube und erstellen einen Abbauplan

Refactoring-Sprints: Regelmäßig werden Sprints eingeplant, die ausschließlich dem Abbau technischer Schulden gewidmet sind

Architektur-Modernisierung: Legacy-Systeme werden schrittweise auf moderne Architekturen migriert

Boy-Scout-Regel: Entwickler hinterlassen jeden Code-Bereich besser, als sie ihn vorgefunden haben

Definition of Done: Code-Qualitätsmetriken (Test-Coverage, Linting, keine neuen Schulden) werden als Pflichtkriterium in die Definition of Done aufgenommen

Vorteile und Nachteile

Vorteile

  • Bewusste technische Schulden können strategisch sinnvoll sein: schneller Markteintritt, Proof of Concept, zeitkritische Features
  • Das Metapher-Konzept hilft, technische Themen mit nicht-technischen Stakeholdern zu kommunizieren
  • Messbare Metriken ermöglichen eine objektive Priorisierung von Schuldenabbau
  • Schuldenabbau verbessert Teamzufriedenheit, Produktivität und Codequalität nachhaltig

Nachteile

  • Unkontrollierte Schulden verlangsamen die Entwicklung exponentiell und frustrieren das Team
  • Schuldenabbau konkurriert mit Feature-Entwicklung um Budget und Aufmerksamkeit des Managements
  • Schwer messbar: Die Gesamthöhe technischer Schulden ist oft nur grob schätzbar
  • Versteckte Risiken: Sicherheitslücken in veralteten Abhängigkeiten werden oft erst bei Incidents sichtbar

Häufig gestellte Fragen zu Technische Schulden

Wie misst man technische Schulden?

Tools wie SonarQube berechnen einen Technical Debt Ratio basierend auf Code-Duplikation, Komplexität, fehlenden Tests und Code Smells. Die Metrik wird in geschätzten Aufwandstagen ausgedrückt. Ergänzend geben subjektive Team-Bewertungen, die Frequenz von Incidents und die Velocity-Entwicklung Hinweise auf den Schuldenstand.

Wie überzeugt man das Management, in Schuldenabbau zu investieren?

Am effektivsten sind messbare Argumente: Zeigen Sie, wie die Entwicklungsgeschwindigkeit über die letzten Monate gesunken ist, wie viel Zeit für Bug-Fixing statt Features aufgewendet wird, und welche Sicherheitsrisiken bestehen. Die Schulden-Metapher hilft: Niemand würde endlos Kreditzinsen zahlen, ohne die Schulden zu tilgen.

Kann man technische Schulden komplett vermeiden?

Nein – und das ist auch nicht das Ziel. Jedes reale Softwareprojekt hat technische Schulden. Entscheidend ist, sie bewusst einzugehen, zu dokumentieren und planmäßig abzubauen. Die Boy-Scout-Regel (Code immer etwas besser hinterlassen) und regelmäßige Refactoring-Sprints halten die Schulden auf einem gesunden Niveau.

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